Feuilleton 2

feuillton2Sehr geehrte Damen und Herren!

Ich möchte sie heute einladen mit mir eine Reise zu unternehmen.
Keine Reise im herkömmlichen Sinne, die uns zu Sehenswürdigkeiten, Städten oder Traumstränden führt, sondern eine kurze Reise, die uns an unterschiedlichen Definitionen, Denkansätzen und Meinungen vorbeiführt und letztlich das beabsichtigt, was Reisen sehr oft mit sich bringen – die Öffnung und Erweiterung unseres Horizontes!

Das Thema „Generationen“ scheint mir zu wichtig, um an apodiktischen Aussagen festzuhalten und zu aktuell, um es zu verdrängen.
Die an meinen Vortrag anschließende Podiumsdiskussion könnte ja dann vielleicht die eine, oder andere Antwort bereithalten!
Auf unserer Reise benötigen wir neben einer Route und dem geeigneten Fortbewegungsmittel auch einige Definitionen, damit wir einander verstehen …

Definition:
der Begriff ‚Generation‘ wird in drei unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet
a) als Kategorie zur Unterscheidung der Abstammungsfolgen in Familien, wie sie aus dem Alltag und der Familienforschung bekannt sind (genealogischer Generationen-begriff),
b) als pädagogisch-anthropologische Grundkategorie, in der es um ein Grundverhältnis der Erziehung, das Verhältnis zwischen vermittelnder und aneignender Generation geht (pädagogischer Generationenbegriff),
c) zur Unterscheidung kollektiver historischer und/oder sozialer Gruppierungen, die sich durch ihr gemeinsames Leben im historischen Raum, durch gemeinsame prägende Erlebnisse und durch gemeinsame Verarbeitungs- und Handlungsforderungen auszeichnen (historisch-gesellschaftlicher Generationenbegriff) gemäß dem Einleitungswort eines großen Dichters, der auch als Reisender seinen Horizont erweitert hat, Johann Wolfgang von Goethe, der in der Einleitung zu seinem Werk ‚Dichtung und Wahrheit‘ sagt: „…ein jeder, nur zehn Jahre früher oder später geboren, dürfte, was seine eigene Bildung und die Wirkung nach außen betrifft, ein ganz anderer geworden sein.“
Lassen sie uns nun in die Zeitmaschine – unser Fortbewegungsmittel – einsteigen und uns mit der Historie des Begriffes „Generationenkonflikt“ befassen …

Historie:
Während der gesamten Menschheitsgeschichte waren die Beziehungen zwischen den Generationen sowohl eine Quelle starker Solidarität als auch gravierender Konflikte.
Das Verhältnis zwischen verschiedenen familialverwandtschaftlichen, pädagogischen und historisch-gesellschaftlichen Generationen ist durch einen mehr oder weniger ausgeprägten Wert- und Interessenkonflikt charakterisiert. Jede Generation hatte ihre eigenen Werthaltungen bzw. Interessen, die mit den Werthaltungen und Interessen anderer Generationen unvereinbar sind. Die Werte der Elterngeneration sind nicht mehr die Werte der heranwachsenden Jugendlichen, und sozialpolitische Maßnahmen zugunsten einer Wohlfahrtsgeneration (z.B. der PensionistInnen) gehen in diesem Modell auf Kosten einer anderen Wohlfahrtsgeneration (z.B. der Jungen bzw. der Erwerbstätigen).
Vorstellungen eines ‚Krieges zwischen den Generationen‘ werden heute dadurch gestützt, dass ältere Menschen sozialpolitisch primär unter dem Aspekt wirtschaftlicher Belastungen betrachtet werden. Sie ‚kosten‘ Pensionen und beanspruchen den größten Teil der Gesundheitsausgaben. Dies gilt namentlich, wenn Sozialausgaben und Altersvorsorge gemäß Umlageprinzip finanziert werden, wogegen Systeme mit Kapitaldeckungsverfahren (z.B. Pensionskassen) zumindest sozialpolitisch einer anderen Logik entsprechen.

Das Alter versus die Jugend

Gedanken über das Altern haben oft einen bitteren Beigeschmack. Für die 25-Jährigen ist das Alter die Vorstufe zum Tod – phänotypisch begleitet von Demenz und Krankheit. „Alter, das ist, wenn einen keiner mehr braucht.“ Diese Vorurteile müssen aus den Gehirnen verschwinden, fordert Frank Schirrmacher (Hrsg Der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Autor von „Das Methusalem Komplott“, das 2004 große Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat)
Ungefähr 2000 Jahre vorher klang das Plädoyer für das Alter gehalten von Marcus Tullius Cicero in seiner Schrift „Über das Alter“ „De Senectute“(…) wie ein melancholischer Abgesang auf die Gerontokratie: Das Alter sei nicht unproduktiv. Autorität und Reife des Alters würden die Regierung in Weisheit leiten. „Die Staaten wurden stets von jungen Leuten ruiniert, gerettet und wiederaufgebaut aber von den Alten“ wendet er sich gegen die Dekadenz und will durch die Wiederherstellung des Respekts vor dem Alter den Niedergang aufhalten.
Wenden wir uns aber dann doch lieber wieder dem Heute zu.
„Der Konflikt ist da: Die Alten gegen die Jungen, die Jungen gegen die Alten.“ Reimer Gronemeyer, anerkannter Fachmann für Generationenfragen, sagt klar und deutlich, was uns erwartet und wie wir es bewältigen können.
„Das ganze System funktioniert nicht mehr, wenn nicht bald etwas passiert: Die Pensionen werden sinken, die Gesundheit wird unbezahlbar, die Gesellschaft droht am Generationenkonflikt zu zerreißen.“ Was tun? Alle Bereiche unseres Lebens, so Reimer Gronemeyer, der schon 1989 in einem Buch vor den Gefahren der Überalterung warnte, werden von der demographischen Revolution betroffen sein. Alte werden politisch mächtiger, aber sozial immer mehr verachtet. Sie wollen die Früchte ihrer Lebensarbeit ernten, doch die sind schon vorher aufgezehrt. In Wohlstand und Sicherheit haben alle stets nur gelernt: »Ich auch! Noch mehr!« Lange haben das auch alle bekommen. Jetzt sorgen sich viele um die Zukunft, denn so geht es nicht weiter.
Reimer Gronemeyer entwirft das Bild eines »neuen Alters«, das sich aus den Zwängen des Floridaurlaubs oder des Marathons mit 75 befreit und neue Kompetenzen des Verzichts und der Selbsthilfe fördert. „Nur so können wir den Krieg der Generationen noch verhindern.“

2012 wurde von der Europäischen Union als Europäisches Jahr für aktives Altern und Solidarität zwischen den Generationen ausgerufen.
Warum gerade jetzt? Weil das Altern zunehmend sowohl vom Einzelnen als auch von der Gesellschaft zu oft als Bedrohung anstatt als Verdienst aufgefasst wird.
Die zunehmende Zahl älterer Menschen wird oft als Belastung der jüngeren, arbeitenden Generation gesehen. Wir erfreuen uns jedoch heute im Alter meist einer weitaus besseren Gesundheit als alle Generationen vor uns. Und die älteren Menschen von heute verfügen über wertvolle Fähigkeiten und Erfahrungen, auf die sich die Jüngeren stützen und von denen sie profitieren können.
Im Alter aktiv zu bleiben, ist der Schlüssel zum positiven Umgang mit der Herausforderung des Alterns und das Miteinander von Generationen stellt eine Bereicherung für Alt und Jung dar.
„Diese Bereicherung ist die schönste Form des Alterns“, so Wissenschaftsminister Karl Heinz Töchterle bei seinem Eingangsstatement im Rahmen einer Veranstaltung zum Europäischen Jahr für aktives Altern und Solidarität zwischen den Generationen. „Seit der Antike sei der Begriff „Altern“ immer auch positiv besetzt und die Wertschätzung für ältere Personen und ihre Stärken sei auch in der heutigen Zeit wichtig.“
Wenn es also immer schon unterschiedliche Positionen zwischen den Generationen gegeben hat, warum beschäftigt uns dieser Diskurs dann heute doch so intensiv?
Vielleicht hilft ein Blick auf die Akteure, um durch besseres Verstehen Brücken bauen zu können.
… unsere Reise geht weiter …
Las Vegas – MGM Grand Garden Arena – Schauplatz vieler denkwürdiger Boxkämpfe …

«Babyboomer» meet «Millennials»!

An dieser Stelle möchte ich der Ordnung halber einfügen, dass im deutschsprachigen Raum die Generationen in vier Gruppen aufgeteilt sind, wobei ich in meiner näheren Definition die Traditionalisten oder Veteranen (vor 1945 geboren, ca. 2% noch im Arbeitsprozess je nach Quelle) in meiner näheren Beschreibung auslasse, nicht ohne ihre Rolle im genealogischen und pädagogischen Generationenbegriff schmälern zu wollen.

In der einen Ecke … Die Babyboomer
Soziologen wie die Amerikaner Neil Howe und William Strauss bezeichnen mit diesem Begriff die geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegsgeneration bis Anfang der 60er Jahre.
In der bunten Welt des Wirtschaftswunders aufgewachsen, gab es kaum Sorgen, wenn auch aus sozialpsychologischer Perspektive angenommen wird, dass wegen der großen Zahl Gleichaltriger im Verhältnis zu anderen Altersgruppen eine Urerfahrung der Masse stattgefunden hat, die nicht ohne Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung geblieben ist. Als Folge dieser Erfahrungen ist ein Konkurrenzverhalten in die Personen eingewandert, das dem Selbstmarketing, wie es die Werbung praktiziert, sehr ähnlich ist. Mit immer sensationelleren Reizen wurde versucht, um immer geringer werdende Aufmerksamkeit zu konkurrieren. Als Folgegeneration der 68er-Bewegung seien die Baby-Boomer desillusioniert. Ihr Lebensmotto würde lauten: „Leben und leben lassen.“ Dieses sei eine Haltung, die der Sozialpsychologe Rolf Haubl vom Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt so erklärt: „Sie haben nicht diesen Elan und die Illusion zu glauben, dass man als relativ kleine Gruppe in der Lage wäre, Gesellschaften möglichst sofort wirksam verändern zu können,……Die Moral der heutigen Zeit heißt Indifferenz, weil Indifferenz eine Haltung ist, mit der man sich vor Enttäuschungen am besten schützt. Wer keine Ziele hat, wird nicht enttäuscht, wer sich nicht vornimmt, die Gesellschaft zu verändern, kann auch nicht enttäuscht werden, wenn sie sich nicht verändern lässt.“
In einem Artikel der „Zeit“ aus dem Jahre 2004 wird die Generation ähnlich charakterisiert. Die Zeitung stellt die prognostisch gemeinte Frage, ob die Baby-Boomer trotz nur mittelmäßig vorhandener Vernunft, fehlenden Charismas und überschießender Energie in der Lage sein werden, Parteien, Kirchen, Leserschaften und Wirtschaftsbetriebe legitimierende Identitäten jenseits reinen Profitinteresses zusammenzuhalten. Andererseits stellten die Baby-Boomer in den 1980er Jahren als Schüler und Studenten die Masse der Friedensbewegung und der Umweltbewegung, haben in dieser Zeit also ein starkes politisch-gesellschaftliches Engagement an den Tag gelegt.
Manche Soziologen sehen die Baby-Boomer als eine eher glückliche Generation: 1973/74 gab es den Ölpreisschock; autofreie Sonntage gaben eine leicht depressive Ahnung davon, „dass es nicht immer so weitergeht“. Es gab eine No-Future- und Punk-Bewegung. Doch wahre Niederlagen musste diese Generation nach Ansicht jener Soziologen nicht hinnehmen. Ihre Motivation ist der Erste zu sein.

In der anderen Ecke … Generation X/Generation Y
Die Generation X (1965 – 1978) gilt als anpassungsfähig und kennt sich mit den modernen Techniken gut aus. Von den Vorgesetzten lässt sie sich nicht so leicht einschüchtern. Weitere Eigenschaften, die man der Generation X nachsagt, sind Kreativität, Ungeduld, Skepsis, Faulheit, wenig Durchsetzungsvermögen und viel Nörgeln. Ihre Motivation ist erfolgreich zu sein.
Die Generation Y gilt als vergleichsweise gut ausgebildet, oft mit Fachhochschul- oder Universitätsabschluss. Sie zeichnet sich durch eine technologieaffine Lebensweise aus, da es sich um die erste Generation handelt, die größtenteils in einem Umfeld von Internet und mobiler Kommunikation aufgewachsen ist. Sie arbeitet lieber in virtuellen Teams als in tiefen Hierarchien. Die Millennials sind optimistisch und selbstbewusst und haben wenig Vertrauen in die Regierung, weshalb sie sich durch passiven Widerstand aktiv ins politische Geschehen einbringen. Ein Beispiel dafür ist die Bewegung Occupy Wall Street, wodurch sich die moderne Organisation der Generation Y abzeichnete. Ihre Motivation ist Sinn stiften und Spaß haben.

Was erwarten die «Millennials» vom Arbeitgeber?
Forrester Consulting macht folgende Faktoren aus, die den «Millennials» wichtig sind, um produktiv arbeiten zu können:

  •  Flexible Arbeitsbedingungen und –zeiten, die eine «work/life-balance» sicherstellen
  •  Teamwork und eine kooperative Kultur
  • Modernste Technologie
  • Eine zukunftsgerichtete, innovative und flexible Einstellung des Arbeitgebers
  • Schlanke Arbeitsprozesse

 

… um es auf einen Nenner zu bringen:

Boomers want to know, “What does it mean?”
Gen Xers need to know, “Does it work?”
Millennials are curious to know, “How do we build it?”
(… aus einem Blog “The Echo Boom“)

Gibt es also diesen vielzitierten Kampf zwischen den Babyboomern und der Generation X/Y überhaupt?
„Es gibt den Generationenkonflikt, aber nur in den Medien“, stellte der Vorsitzender der Österreichischen Gewerkschaftsjugend Jürgen Michlmayr bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen des 2. BundespensionistInnenforums im Oktober 2012 fest. Allerdings bliebe der Jugend, aber auch den anderen, immer weniger Zeit für das Miteinander. Dies zeige sich auch in jüngsten Studien, laut denen sich Jugendliche verstärkt nach Familie sehnen und in der Realität diese immer später gründen könnten. OZ Michlmayr: „Die Menschen sind zunehmend wirtschaftlich bestimmt, oft gehe es einfach um die nackte Existenzsicherung.“
Der von mir sehr geschätzte Jugendforscher Bernhard Heinzelmaier wiederum stellt fest, dass zwei Drittel der Jugendlichen laut einer Umfrage glauben, dass „die Älteren ein falsches Bild von der Jugend haben“.
Den Grund sehen die Jugendlichen im sogenannten Tunnelblick der Älteren sowie in deren Intoleranz. Viele Jugendliche fühlen sich von den PensionistInnen nicht ernst genommen.
Rainer Nowak schreibt in der Presse nach der Volksbefragung zur Wehrpflicht „Zumindest haben wir einen Zipfel jenes Generationenkonflikts in der Hand, der von Andreas Khol bis Laura Rudas abwärts stets sozialpartnerschaftlich in Abrede gestellt wird. Obwohl es ihn in Österreich natürlich sehr wohl gibt. Seine Ursache ist einfach: Die Jungen werden weniger, die Älteren mehr. Zeitgleich steigt der Schuldenberg, die Belastung jüngerer Generationen wird von Jahr zu Jahr größer. Ein steigender Teil der Bundesausgaben geht auch als Zuschuss in das Pensionssystem, das mittels Umlagesystems allein nicht finanziert werden kann. Genau das aber müsste Ziel einer verantwortungsvoll handelnden Regierung und des dazugehörigen verantwortlichen Sozialministers sein. Genau, auch Binsenweisheiten werden häufig nicht befolgt.“
Der Demograf Rainer Münz sieht den Generationenkonflikt als „einen Verteilungskampf um die Budgetmittel“ und fordert vehement Pensionsreformen ein.
„Die Gesellschaften der meisten OECD-Staaten leben ihren Wohlstand und Reichtum in erheblichem Maße auf Kosten ihrer Kinder und der nachfolgenden Generationen. Sie gefährden damit nicht nur ihre eigene Zukunftsfähigkeit, sondern handeln auch ungerecht gegenüber den eigenen Nachkommen.“ Zu dieser Einschätzung kommt eine internationale Vergleichsstudie der Bertelsmann Stiftung über die Generationen-gerechtigkeit in 29 OECD-Staaten.
Bei der Lektüre des neuesten Buches einer meiner Lieblingsautoren vor ein paar Tagen ist mein Blick an einem Zitat hängen geblieben:
„Die Entscheidungen die wir in unserer Vergangenheit gefällt haben, sind die Architekten der Gegenwart“ (aus Inferno von Dan Brown)
Erlauben sie mir die Unverfrorenheit Dan Brown folgend Umzuformulieren:
„Die Entscheidungen, die wir heute fällen, sind die Architekten der Zukunft!“ (A. Kdolsky)

Am Ende unserer gemeinsamen Reise angekommen liegt es nun an uns zu entscheiden, ob wir die Schwerter schleifen wollen, oder aber Brücken bauen.
„Durch die generationenübergreifende Arbeit ergibt sich die besondere Chance, dass Jugendliche und Erwachsene sich gegenseitig als Partner für ihre Arbeit gewinnen.
Partnerschaftliche Zusammenarbeit bewirkt eine stetige Weiterentwicklung für unsere Gemeinschaft.“
Mit diesem Satz aus dem Leitbild des Kolpingwerkes Deutschland möchte ich schließen, bedanke mich für ihre Aufmerksamkeit und wünsche ihnen, dass sie ihre Zukunft in ihre Hände nehmen. Viel Erfolg dafür!

Bei der Lektüre des neuesten Buches einer meiner Lieblingsautoren vor ein paar Tagen ist mein Blick an einem Zitat hängen geblieben:
„Die Entscheidungen die wir in unserer Vergangenheit gefällt haben, sind die Architekten der Gegenwart“ (aus Inferno von Dan Brown)
Erlauben sie mir die Unverfrorenheit Dan Brown folgend Umzuformulieren:
„Die Entscheidungen, die wir heute fällen, sind die Architekten der Zukunft!“

Dr. Andrea Kdolsky | Director Advisory Services, PwC Österreich GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft